Bestimmung der Sprache einer Gravur aus Labin/Kroatien

Liebes Archäologie-Online Forum,

diese Inschrift habe ich bei meinem Aufenthalt in der Stadt Labin in Kroatien entdeckt. Mich hat die Inschrift gleich fasziniert, weil ich sie überhaupt nicht zuordnen konnte. Kann mir jemand sagen, was für eine Sprache das sein könnte?

vielen Dank für euer Interesse,

nex230

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Getaggt:
  • kurtikurti User Urgestein
    bearbeitet: 31. August

    @nex230

    Da ich glaube, dass ich die ersten Worte richtig entziffert habe müßte es sich um Latein handeln.

    Es ist z.Bsp. bei römischen Inschriften häufig so, das die Worte nicht getrennt werden, Buchstaben in Buchstaben eingefügt oder angefügt  werden. Neu ist mir allerdings das Geschnörkel an manchen dieser Buchstaben. 

    Beispiel : 

    https://www.weissenburg.de/tn_img/1340010_gnotzheim_roemisches_inschriftenfragment_in_der_kirche_-_2003__bild_w-schmidt.jpg

    Hier meine entzifferten Worte:

    SALARIO             = Lohn (Salzration eines Legionärs ? )
    DELICA                =  abgesetzt, entwöhnt  oder erkläre, offenbare
    NI                         = daß nicht , nicht , wenn nicht, wo nicht ,wofern nicht
    EI                          = dasjenige, der, derjenige, dieser, er, welcher
    LOE                      = Vokativ Singular von lous = Lotusplanze, Nesselpflanze (die Brennessel ?)
    LOCI                     = des Ortes, die Orte, Ort
    TUM                     = da, damals, dann,  darauf, zu diesem Zeitpunkt
    LOE                       = Vokativ Singular von lous = Lotusplanze, Nesselpflanze (die Brennessel ?)
    AL                          = ernähre, nähre, ziehe groß, zieh groß, hege, pflege, warte
    BO                         = brülle, schreie
    HA                         =  eine Interjektion (Ausruf "ha" )
     

    Daraus kann ein versierter Lateiner sicher einen sinnvollen Satz machen. Ich bin nur ein abgebrochener Lateiner mit einem mäßigen Wortschatz von dem ich die meisten vergessen habe.=:-O

    Quod erat demonstrandum ! K:-)

    Vielleicht steht ja da, dass der Lohn ausfiel und man sollte sich von den Nesselpflanzen ernähren und wer einen Ort mit Nesselpflanzen kennt soll "ha" rufen !???  :-D

    Gruß

    Kurti

     

     

    Beitrag bearbeitet von kurti
  • kurtikurti User Urgestein
    bearbeitet: 01. September

    @RandomHH

    Für mich hat das mehr Ähnlichkeit mit Frühformen der griechischen Schrift:

    Die"römische Lapidarschrift " ging ja aus der griechischen hervor und entwickelte sich später zur "Capitalis monumentalis".
    Die einzige Ähnlichkeit auf den Tafeln besteht beim "A".  Dagegen sind z.Bsp. "S" und "R" keinesfalls griechisch. (Siehe Bildausschnitt unten.)
    Das erste Wort "SALARIO" sähe griechisch etwa so aus: " Σ Α Λ Α Ρ Ι Ο".
    Nein, es geht um die Eigenart der Mittelstriche z.Bsp. im "N" und "M" usw. Siehe Bildausschnitt unten mit " CENTO" (Scherbe).
    Oder die unterschiedliche Schreibweise von "QUARTO" (viertens, zum vierten Mal) mit dem seltsamen, der "8" ähnlichem "O" (?) (Siehe Ausschnitt unten )
    Ich kenne diese Besonderheiten weder aus griechischen noch römischen Inschriften. Vielleicht war der Steinmetz ein Gastarbeiter aus dem Orient !? :-D


    Gruß
    Kurti

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    Beitrag bearbeitet von kurti
  • kurtikurti User Urgestein
    bearbeitet: 01. September

    NACHTRAG:

    Ich bin den Besonderheiten der einzelnen Buchstaben mal nachgegangen und das einzig Passende wäre die "frühhumanistische Kapitalis".
    Frühhumanistische Kapitalis:
    http://www.inschriften.net/rems-murr-kreis/einleitung/5-die-schriftformen.html
    ZITAT:
    Nachdem die gotische Majuskel als Schriftart ganzer Texte im Bearbeitungsgebiet im letzten Viertel des 14. Jahrhunderts verschwindet, taucht gegen Ende des 15. Jahrhunderts mit der sog. frühhumanistischen Kapitalis eine neue Majuskelschrift auf.......................
    In der frühhumanistischen Kapitalis fließen Elemente der Kapitalis und vorgotischer Schriften vornehmlich des 12. und 13. Jahrhunderts sowie vereinzelt griechisch-byzantinische Schrifteigentümlichkeiten zusammen. Ihren Formen nach entwickelt in Italien,................... Knoten und Halbknoten als Zierformen der Schäfte und Balken.
    ENDE

    Knoten u. Halbknoten:
    http://www.inschriften.net/typo3temp/pics/di-37_Einleitung_nr130_13_77043c9006.jpg

    Das würde aber bedeuten, dass die Tafel nicht aus der römischen sondern aus späterer Zeit stammt und das würde wiederum mit der Geschichte der Stadt Labin konform gehen.
    Labin
    https://de.wikipedia.org/wiki/Labin
    ZITAT:
    Von 1207 bis 1420 hatte der Patriarch von Aquileia (nördlich von Venedig gelegen) in Labin und Umgebung das Sagen, bevor mit der Eingliederung in die Republik Venedig am 3. Juli 1420 eine neue Zeitrechnung begann. Die annähernd 400 Jahre venezianischer Herrschaft bescherten der Stadt einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung und auch die meisten der heute noch sichtbaren Baudenkmäler in der Altstadt.  ENDE

     

    Beitrag bearbeitet von kurti
  • Hallo!

    Entschuldigung dass ich mich jetzt erst wieder melde, aber ich hatte Probleme mich bei der Seite wieder mit meinem Benutzernamen anzumelden.

    Vielen Dank für deine Ausführungen Kurti! Ich habe mich inzwischen ebenfalls weiter mit der Tafel beschäftigt und glaube dass die Sprache Italienisch bzw. Venezianisch ist .. darauf hat mich das Wort GRIXO gebracht, das offenbar grau auf venezianisch bedeutet. Auch kommt der Buchstabe X ja weder im Italienischen noch im Lateinischen vor (außer als Zahl). Das deckt sich ja auch mit deiner Recherche zu Labin und seiner Eingliederung in die Republik Venedig.

    Ich habe zudem eine Abschrift der Tafel erstellt und bereits einige Worte, die ich mittlerweile erkannt habe hinzugefügt. Vielleicht findet jemand noch weitere.

     

    LG nex230

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  • kurtikurti User Urgestein
    bearbeitet: 03. September

    @nex23

    Du warst ja richtig fleißig. :db:

    Du liegst wohl richtig, wenn Du bei dem Text auf "Venetisch" schließt.

    Angesichts der Zeitvorgabe durch die Schrift und Dein “GRIXO” ist es naheliegend, dass der Text im venetischen Dialekt abgefaßt ist.

    Es ist aber nicht richtig, dass die Lateiner kein “X” als Buchstabe verwendeten. K:-)

    Beispiele:

    RIXO = zanken, AXIS = Achse, EX = aus, REX = König, MAXIMA = groß usw. usf.

    Ein “RIXO” hatte ich z.Bsp. dort gelesen wo Du Dein “GRIXO” entschlüsselt hast.

    Das Problem ist bei solchen Inschriften die Worttrennung. Ich habe natürlich auch einige Worte auf italienisch übersetzen können. Manchmal ergibt eine andere Trennung aber auch mehrere lateinische Worte.

    Am Anfang ergäbe z.Bsp. "SALA" das ital. "Halle, Saal", aber die weiteren Buchstaben ergeben kein brauchbares Wort her. Dagegen geht der Text in lateinisch voll in sinnvollen Worten auf.

    Oder nehmen wir Dein abgetrenntes "ATRO". Auf italienisch ergäbe ein "ATRO" = "grimmig" und ein "ARTO" = "Glied". Schwierig ist es aber dann das vorhergehende "QU" als Wortendung von "SOLIO" unterzubringen. Es spricht einiges dafür, das hier “QUARTO” gemeint ist. Auf lateinisch ergäbe ein "SOLIO" = "dem Thron" und "QUARTO" = "zum vierten Mal" durchaus Sinn. (Siehe Ausschnitt unten)

    Ebenfalls solltest Du Deine Umzeichnung nachfolgend zu Deinem “QUANTO” korregieren, denn dort heißt es hinter “SOLIO” sicher ebenfalls “QUARTO”. (Siehe Ausscnitt unten)

    Der Steinmetz schreibt “SOLIO” wie auch “QUARTO” verschieden und zwar einmal mit inliegendem“I” bzw.“U” oder mit separaten Buchstaben. Das Graphem “QU” ist aber unverkennbar.

    Dieses “QUARTO” = “zum vierten Mal” kommt ja mehrmals im Text vor und ich schließe daraus, dass sich das Geschilderte zum vierten Mal ereignet hat !?

    Erstaunlich ist, dass offensichtlich noch viele Worte lateinisch sind, bzw. dem Latein näher sind als dem Italienischen.

    Hinter Deinem “DI CINQUE” = ital. “von fünf” heißt es weiter lat. “PER” = “durch” und “HILARO” = “ich erheitere”. Also z.Bsp “ich erheitere durch.......” Man kann das “DI CINQUE” aber auch wieder auflösen in lateinische Worte wie “DIC”, “IN”, QUE” die möglicherweise mit dem vorangegangenen Text einen Sinn ergeben. (Siehe Ausschnitt unten )

    Ansonsten sehe ich einige Worte die in Latein einen Sinn machen, aber im Italienischen nicht auftauchen, wie z.Bsp. "(I)NSUUNDO" = "einnähen". Davor liest man "QUE CENTO" = "und Flickwerk". Das gäbe Sinn. Andererseits kann man "CENTO" = ital. als "hundert" lesen.

    Ohne ein geeignetes Wörterbuch ist es jedenfalls eine Sisyphusarbeit einen sinnvollen Text auf “original Venetisch” zu erstellen. :-D

    Ich würde an Deiner Stelle mal die Buchstaben in heutigen Majuskeln aufzeichnen, denn dann kan man leichter mit vermuteten Worten auf den Zeilen jonglieren.

    Immerhin weißt Du jetzt in welcher Richtung Du suchen mußt. Ich wünsche Dir dabei viel Spaß und noch mehr Geduld. O:-)

    Sollte ich noch was Wesentliches entdecken so melde ich mich wieder.

    Bis dann und  beste Grüße ins schöne Wien

    Kurti

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    Beitrag bearbeitet von kurti
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